Förderkonzept Mathematik

Theoretische Grundlagen

In der Mathematik unterscheidet man (nach Schipper, in Anlehnung an Lorenz und Radatz, 1993) unterschiedliche Abstufungen von fachspezifischen Lernschwierigkeiten:

Kinder haben eine Rechenschwäche, wenn sie einer Förderung jenseits des Standardunterrichts bedürfen (ca. 20 % der Schüler eines Jahrgangs). Wenn rechenschwache Kinder dauerhaft und schwerwiegend beim Rechnen beeinträchtigt sind, haben sie eine Rechenstörung (ca. 4 - 5 % der Schüler ab Klasse 2).

Für das Auftreten einer Rechenschwäche bzw. Rechenstörung bedingen sich mehrere Risikofaktoren, die

im Individuum selbst (Fähigkeiten, Interessen; (Vor-)Wissen; Anstrengungsbereitschaft; sensorische Beeinträchtigungen (visuell,auditiv,...); Aufmerksamkeit, Konzentration, Gedächtnis; Angst)
im schulischen Umfeld (die Lehrkraft; Unterrichtsmethode, Umgang mit dem Material; Lehrbuch, Mitschüler; mathematische Sprache; Förderunterricht;...)
und im familiären und sozialen Umfeld (familiäre Situation) liegen.

Eine Rechenschwäche bzw. eine Rechenstörung zeigt sich anhand typsicher Symptome:

verfestigtes zählendes Rechnen (Zeitpunkt der Auffälligkeit: beim Addieren und Subtrahieren bis 100, d.h. in der ersten Hälfte des zweiten Schuljahres/Beobachtungsmöglichkeiten: die Kinder versuchen, offensichtlich zählendes Rechnen zu vermeiden; bei schriftlich vorliegenden Lösungen häufig +/- 1-Fehler (bis 20) und +/- -10 Fehler (bis 100); Tempo, Sicherheit und Strategie beim Lösen von Aufgaben mit Zehnerüberschreitung/Begleiterscheinungen: Zerlegungen der Zahl 10 sind noch nicht memorisiert, insgesamt geringes Repertoire an auswendig gewussten Aufgaben, Rechenstrategien sind manchmal latent vorhanden, werden aber nur selten genutzt)
Probleme bei der Links-/Rechts-Unterscheidung (Ein auffällig hoher Prozentsatz von Kindern mit Rechenstörungen zeigt im 2. Schuljahr und später noch Unsicherheiten bei der Unterscheidung von rechts und links. Da alle Veranschaulichungen mit Richtungen operieren, ist diese Unterscheidungsfähigkeit sehr wichtig. Beobachtungsmöglichkeiten/Begleiterscheinungen: spiegelbildliche Schreibweise von Ziffern; Zahlendreher (32 statt 23), Rechenrichtungsfehler (Verwechseln von Addition und Subtraktion), inverse Zahlenschreibweise (bei der 32 zuerst die 2 schreiben, dann die 3 davor setzen)
Intermodalitätsprobleme (Schwierigkeiten, zwischen den Modi von Wissen (enaktiv/ikonisch/symbolisch) hin und her zu übersetzen)
Einseitige Zahl- und Operationsvorstellungen (Mathe ist für viele rechenschwache Kinder ein Regelspiel. Am Ende des 1. Schuljahrgangs herausfinden, ob Kinder über ein entwickeltes Zahl- und Operationsverständnis verfügen)

2. Diagnose

Für schulische Zwecke ist nur eine prozessorientierte Diagnose geeignet. Dabei werden den Kindern Aufgaben gestellt und ihr Lösungsprozess wird beobachtet und dokumentiert. Bei Materialhandlungen ist meistens eine direkte Beobachtung möglich. Bei Kopfrechenaufgaben wird die sogenannt Denkanalyse eingesetzt: Rechne die Aufgabe laut vor. Ein solche Beobachtung ist teilweise im täglichen Unterricht möglich. Bei festgestellten Schwierigkeiten einzelner Kinder muss mit ihnen ein Interview in einer Eins-zu-Eins-Situation durchgeführt werden, um genauer Aufschluss über ihre fehlerhaften Denkwege oder Vorgehensweisen zu erhalten.

Für die Diagnose stehen unterschiedliche Materialien zur Verfügung:

Auffällige Kinder können mit dem Elementar Mathematischen Basisinterview (Mildenberger-Verlag) getestet und überprüft werden. Das EMBI ist ein halbstandardisiertes, kompetenzorientiertes und materialgestütztes Interview für die Bereiche Arithmetik, Größen und Geometrie. Es ist ein Verfahren für den vorschulischen Bereich sowie für die beiden ersten Jahrgangsstufen.

Gegebenenfalls kann auch ab der ersten Schulwoche der Grundideen-Eingangstest Arithmeitik aus "Das Zahlenbuch" zur Überprüfung eingesetzt werden. Dies ist ein mündlicher Individualtest in Form eines klinischen Interviews, der die Zahlenvor-kenntnisse ermittelt. Es liegen 2 Versionen vor. Die Normalversion umfasst 20 Aufgaben, die das gesamte Feld der arithmetischen Grundideen abdeckt. Es müssen nicht alle Aufgaben durchgeführt werden. Die Auswahl der Testaufgaben sollte vielmehr der Leistungsfähigkeit des Kindes angepasst werden.

Zeigen sich Rechenschwächen ab Klasse 2, können neben dem EMBI (s.o.) die Informellen Tests (diagnostische Gespräche) eingesetzt werden aus: S. Kaufmann/S. Wessolowski (2006) Rechenstörungen - Diagnose und Förderbausteine.

Auch bei diesen Tests werden keine Punktwerte geliefert, sondern man erhält Einsichten darüber, wie das Kind an Aufgaben herangeht, welcher Vorstellungen es sich bedient, welche Verbindungen und Schlussfolgerungen es herstell, ... um die kongnitiven Schwierigkeiten und Besonderheiten eines Kindes möglichst genau beschreiben zu können. Aus diesem Wissen heraus sollen gezielt Fördermaßnahmen abgeleitet werden.

Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, über das gesamte Schuljahr verteilt Prüfungen zu "Blitzrechenübungen" (s. "Das Zahlenbuch") abzunehmen und im Blitzrechenpass zu dokumentieren, und zwar in allen vier Jahrgängen. Hieraus ist für die Lehrkraft zu erschließen, in welchen Teilbereichen ein Kind Schwächen aufweist.

Im Rahmen der sonderpädagogischen Grundversorgung kann die Förderschullehrkraft beratend hinzugezogen werden.

3. Gezielte Förderung rechenschwacher Kinder

Nach Auswertung der oben aufgeführten diagnostischen Interviews wird jeweils ein individueller Förderplan erstellt.

Für die Förderung rechenschwacher Kinder sollten folgende Fördergrundsätze gelten:

Kinder dort abholen, wo sie laut Diagnose stehen geblieben sind- Qualität statt Quantität, d.h. auf keinen Fall unverstandene Aufgaben "päckchenweise" üben, da sich sonst die Fehlstrategien verfestigen- Prozess der Entwicklung mentaler Vorstelllungen aus Handlungen am Material muss unterstützt werden:
- Materialhandlungen müssen die gleiche Struktur haben wie die angestrebten Kopfrechenstrategien
- Kindern nach und nach die Sicht auf das Material und die Handlung nehmen
- Handlungen benennen lassen
- Motivation der Kinder fördern